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E-Learning-Praxis

Sibylle Teichmann, Johannes-Gutenberg-Schule Stuttgart

  

2 E-Learning-Praxis

2.1 Quo vadis, E-Berufsschule?

Seit E-Learning in aller Munde ist, sprich in jeder Zeitschrift vom Focus über Capital, Economist (und selbst in der Stuttgarter Zeitung) abgehandelt wurde, beschlossen wir, dass es an der Zeit ist, sich umzuhören, wo denn in der Aus- und Weiterbildung unsere Klientel tatsächlich von E-Learning betroffen ist. Um uns einen Überblick zu verschaffen, haben wir einen Fragebogen verfasst und an ausgewählte Ausbildungsfirmen sowie die Kammern geschickt. Wir waren gespannt, auf welche Resonanz unser Interesse stoßen würde. Die Antworten kamen zögerlich und fielen sehr unterschiedlich aus: Bei manchen Unternehmen hat E-Learning einen so hohen strategischen Stellenwert (z.B. festo), dass man nichts dazu veröffentlichen darf, einige stellten uns dicke Projektberichte zur Auswertung zur Verfügung (z.B. Telekom), andere dagegen waren lakonisch kurz (DGB), und andere antworteten leider gar nicht, wie z.B. die Handwerkskammer. Insgesamt waren wir aber positiv überrascht, wie weit verbreitet E-Learning in der Unternehmenspraxis ist und wie viele Unternehmen sich ernsthaft mit diesem Thema auseinander setzen. Im folgenden nun eine kurze Auswertung unserer Umfrage und was wir in der Berufsschule umsetzen sollten, ansonsten werden ausgewählte Firmen mit ihrem eigenen Beitrag für sich selbst sprechen.

Das haben wir gefragt ...
1 Zielgruppen: Welche Zielgruppen adressieren Sie in erster Linie mit e-Learning in Ihrem Unternehmen (Azubis, Fachkräfte, Management) ?
2 Inhalte: Können Sie uns exemplarische Inhalte aus Ihrem Programm benennen, die besonders beliebt oder wertvoll sind (z. B. technische Fertigkeiten, Sozialkompetenz oder auch themenbezogene Module) ?
3 Didaktik: Welchen pädagogisch-didaktischen Ansatz verfolgen Sie bei der Gestaltung Ihres E-Learning- Angebotes (z.B. (freiwillig) selbstgesteuertes Lernen, Anleitung durch Tutoren, Bereitstellung von Material, pflichtgemäßes Curriculum) ?
4 Technik: Benutzen Sie eine spezielle Software-Umgebung und sind Sie damit zufrieden? Welche Features werden Ihrer Ansicht nach vor allem nachgefragt und haben sich in der Praxis bewährt?
5 Organisation: Können Sie uns noch einen Einblick in Ihre E-Learning-Organisation geben? Welche Abteilungen sind daran beteiligt, wer hat die Federführung, welche Ressourcen haben Sie dort?
6 Zum Schluss: Wenn Sie sich Ihr Unternehmen in fünf Jahren vorstellen: Welchen Stellenwert wird E-Learning bei Ihnen im Hause haben? Was würden Sie sich von einer Zusammenarbeit im Bereich E-Learning mit der Schule wünschen?

  

E-Learning Monitor

In der Frage der Zielgruppen lassen sich höchst unterschiedliche Nutzergruppen unserer befragten Firmen feststellen. Nicht nur bei der Weiterbildung der eigenen Mitarbeiter/innen, sondern auch in der Erstausbildung wird bei der Telekom und bei der Allianz E-Learning eingesetzt. Beides sind Unternehmen, deren Produkte durch kurze Zyklen gekennzeichnet sind und/ oder deren Produkte schwer erklärbar sind. Beide Firmen betonen deshalb übereinstimmend, dass die Entwicklungsfähigkeit der Mitarbeiter im Mittelpunkt steht, das heißt, nicht mehr nur Fachwissen, sondern die Schlüsselqualifikationen sind gleichwertige Lernziele - die Telekom nennt dies "Modell der vollständigen Handlung". Dementsprechend muss die gesamte Lernwelt an dieser Grundhaltung ausgerichtet werden. Auch zur Produktschulung eignet sich E-Learning laut IBM hervorragend, so dass nicht nur hauseigene Mitarbeiter/innen, sondern auch die Zulieferer und selbst Privat-Kunden per E-Learning für ihre Produkte geschult werden. Cisco geht sogar noch einen Schritt weiter, jedermann kann sich dort online seine Kenntnisse zertifizieren lassen.
  

... das sind ausgewählte Ergebnisse
  • E-Learning ist eingebunden in ein integriertes Lernwelt-Konzept (real und virtual world)
  • E-Learning dient nicht nur der Vermittlung strukturierter fachlicher Kompetenzen, sondern auch der Vermittlung von Schlüsselqualifikationen
  • E-Learning wird nicht nur als innerbetriebliches Modell eingesetzt, sondern auch als umfassendes Konzept zur Befähigung von Partnern bis hin zu Kunden
  • Der Katalog der E-Learning-Themen ist nahezu unbegrenzt
  • Die technischen Anwendungslösungen sind sehr heterogen und reichen von großen Plattformen wie Notes bis hin zu selbstgestrickten Lösungen
  • Es wird angestrebt und ist teilweise verwirklicht, dass nicht nur asynchrone Trainingsphasen, sondern auch synchrone soziale Interaktionen technisch unterstützt werden
  • Eigenmotivation und Selbstlernen haben einen hohen Stellenwert und scheinen bei den Nutzern eine deutlich positiv belegte Werthaltung zu haben
  • E-Learning ist trotz allem noch ein junges Thema, dessen organisatorische Verankerung im Unternehmen noch im Fluss ist

     

Als besonders beliebte Themen beim E-Learning wurden uns Führungskräfteschulung, eigene Spezialthemen und Umgang mit Software genannt. Dabei geht der Trend wohl zu einzelnen Lernmodulen statt Lernprogrammen, damit individuelles Lernen durch "Shoppen von einzelnen Lernmodulen" oder die Zuweisung durch den Tutor für Lerner/innen mit verschiedenen Voraussetzungen gewährleistet werden kann. Diese können auch im Rahmen von Lernzielvereinbarungen zwischen den Mitarbeitern und den Vorgesetzten festgelegt werden. Sie werden von den Firmen eingekauft und/ oder selbst erstellt. So entstehen konzeptionelle Wissensplattformen wie z.B. bei IBM, wo man inzwischen bereits unter 1400 Kursen frei wählen kann.

In der Didaktik sind sich soweit alle einig, dass es neben dem selbst organisierten asynchronen Lernen auch Präsenzphasen geben muss, in denen Lernblockaden aufgelöst, Umgang mit der Technik eingeübt, Themen vertieft, indem man Strategie- und Transferwissen einübt, und last but not least soziale Kontakte gepflegt werden können. Unterschiede gibt es durch zusätzliche (technische) Möglichkeiten der Lernplattform: Ein- und Ausgangstests sorgen für eine Messbarkeit des Lernfortschritts, interaktive Multimedia sorgen für wirklichkeitsnahe Umgebung, ein mehr oder minder ausgefeiltes System an zusätzlichen Werkzeugen wie Groupware, Boards, Chats, Conferencing, virtuelle Klassenzimmer, etc. unterstützt elektronische Teamarbeit, das Publizieren des Gelernten, die Möglichkeiten gehen bis zu Meetingsupport und Matchmaking (d.i. das Finden von Personen mit ähnlichen Lernproblemen). Mit solchen Service-Plattformen kann nicht nur geübt, sondern auch ausprobiert, gespielt, sich gegenseitig geholfen werden und Erfahrungsaustausch stattfinden. Einige Firmen bieten neben festen Lernzeiten zusätzlich Raum für Eigenlernen; insbesondere in der Erstausbildung wird Wert auf Lernfeldorientierung gelegt, d.h. alle "Fächer" bzw. Themen sind sowohl zeitlich (was den Erwerb der Fähigkeit) als auch inhaltlich in die berufliche Praxis eingebunden.

Die Ansiedlung der Organisation von E-Learning im Unternehmnen und die jeweiligen Ressourcen sind schlichtweg davon abhängig, wie groß der Bereich E-Learning im jeweiligen Unternehmen gerade ist. Befindet sich E-Learning eher im Anfangsstadium, liegt die Verantwortung der einzelnen Projekte bei der jeweiligen Projektleitung, je umfangreicher und strategisch bedeutsamer der Bereich ist, desto näher ist er am Vorstand angesiedelt und mit entsprechenden Ressourcen ausgestattet, was Mitarbeiter und Budget angeht. Unbestrittene Spitzenreiter in unserer Umfrage sind wohl IBM und Cisco.

Alle von uns befragten Firmen wollen in der Zukunft ihre E-Learning-Kapazitäten unbedingt weiter ausbauen, weil sie von der Idee und dem Konzept überzeugt sind und eigentlich nur Vorteile bei der Bewältigung ihrer Qualifizierungsanforderungen sehen, seien es die heterogenen Lernvoraussetzungen der Teilnehmer/innen, die Beschaffenheit der Lerninhalte, die Motivation der Lerner/innen, der zahlenmäßige Durchsatz an Bildungsnachfragern und letztendlich der Lernerfolg des Einzelnen.

... und was hat dies alles mit der Berufsschule zu tun?

Nachdem jetzt nun E-Learning bereits in der Praxis von Erstaus- und Weiterbildung Anwendung findet und damit die berufliche Lebenswelt unserer Schüler/innen zunehmend bestimmen wird, müssen wir uns an der Berufsschule überlegen, inwieweit wir unsere Schüler/innen für den (künftigen) Einsatz und die Anwendung von E-Learningsystemen befähigen können. Die IHK schreibt in ihrer Antwort: "Der Einsatz von computerbasierten Lerntechnologien über das Internet erfordert in einem hohen Maße Selbstlernkompetenz, Lerndisziplin sowie die Fähigkeiten zum Umgang mit der jeweiligen Computertechnik. Dies kann nur bei wenigen Lernern voraus gesetzt werden". Auch Thilo Hart beklagt in seinem Artikel "Neue Lernchancen des Internets?" (Journal für politische Bildung 3/001), dass es den Schüler/innen nicht nur an unterschiedlichsten Kompetenzen mangelt, mit dem Internet als Informationsmedium und seinen möglichen Werkzeugen umzugehen (alles Voraussetzungen für E-Learning), sondern es ihnen vor allen Dingen an Ernsthaftigkeit und Verbindlichkeit fehlt, mittels moderner Kommunikationswerkzeuge wie Chat und Diskussionsforen (inhaltlichen) Austausch mit anderen zu pflegen - das reicht von der Nichtwahrnehmung von gemeinsamen Terminen und oberflächlicher inhaltlicher Bearbeitung von Themen bis hin zum Ablenkenlassen vom Lernthema durch Unterhaltungsangebote. Es fehlt also derzeit schlichtweg an Werkzeugkenntnissen und an Lerndisziplin.

Was können wir in der Berufsschule tun?

Eine grundsätzliche Debatte über Selbstlernen und Lerndisziplin wäre an dieser Stelle fehl am Platze. Aber für mehr Werkzeugkenntnisse könnte die Berufsschule schon sorgen, wobei hier vieles durch den Generationenwechsel und die zukünftig hoffentlich bessere Ausstattung der Schulen zu Wege gebracht wird.

Wenn wir allerdings Ernst nehmen, dass E-Learning stark auf synchrone und interaktive Lernformen im Netz setzt, dann erhalten Werkzeuge wie Chat und Diskussionsforen zukünftig eine weit höhere Bedeutung. Dass Chat und Diskussionsforen derzeit - so zumindest meine Erfahrung - als Kommunikations-Werkzeuge nicht so ernst genommen werden, mag auch mit daran liegen, dass viele Lehrer/innen sie eigentlich als albern und überflüssig ablehnen und darüber hinaus schimpfen, dass Schüler/innen im Internet ihre Zeit mit Chatten "verplempern". Dabei bedarf es einiger Übung, inhaltlich einem Chat zu einem ausgewählten Thema zu folgen und dabei auch noch selbst Beiträge zu verfassen (man muss schnell "scannen", denken und tippen können, erschwerend kommt hinzu, dass die Beiträge leicht zeitversetzt eingestellt werden und die Werkzeuge in der Regel nicht so komfortabel sind). Kurz gesagt, das sind äußerst komplexe Kommunikationssituationen. Chatten kann man üben, auch mit Schüler/innen.

Ebenso lassen sich konkrete Schreibanlässe (auch als Klassenarbeit) gestalten, die einen Diskussionsbeitrag für ein Forum zum Thema haben, oder man kann Aufgaben gestalten, bei denen man z.B. ein Diskussionsforum zu einem Thema durcharbeiten und einen Schlussbeitrag oder eine Zusammenfassung schreiben muss. Wer hat mit seinen Schüler/innen schon Mail schreiben geübt und ist dabei auf die Eigenart des Mediums eingegangen? Auch im Internet suchen muss man oft üben, vor allem das Bewerten der Suchergebnisse und das Einschätzen von Quellen. Arbeitssitzungs-Protokolle (die auch tatsächlich "verwendet" werden) und Exzerpte sollten eigentlich Bestandteil jedes Projekts sein, auch sie lassen sich benoten - dies nur als Gegenargument, man habe als Lehrer zu wenig Zeit, dies und jenes auch noch im Unterricht zu leisten, weil man auch noch Klassenarbeiten schreiben müsse. Zum Thema eigenständiges Arbeiten gehört auch, dass wir Lehrer/innen aufhören für unsere Schüler/innen die bequemen Arbeitsblättchen vorzuschreiben, wo häppchengerecht Ergebnissätze und Lösungen festgehalten werden, weil die Schüler/innen anscheinend verlernt haben (oder nie gelernt haben) mitzuschreiben oder nachzulesen. Eine notwendige Fertigkeit, sich via E-Learning oder im Selbstlernverfahren etwas anzueignen und fortzubilden, ist auch, Texte oder FAQs durchzuarbeiten und sich durch Anleitungen und Vorgehensweisen zu "quälen".

Doch Defizite gibt es nicht nur auf Schülerseite. Welche/r Lehrer/in arbeitet im Team mit anderen Lehrer/innen (und kann dies auch...)? "Austausch von Ausbildungsmaterialien führt zu einem Wissenstransfer, der die Qualität der Ausbildung verbessert", meint die Allianz in ihrem E-Learningprojekt Alf zur Arbeit der Ausbilder. Auch wir an der Berufsschule könnten jede Menge an Zeit sparen und die Synergien nutzen, wenn wir Unterrichtsmaterial und -vorbereitungen austauschen würden und nicht jedes mal das Rad neu erfinden müssten. Durch Nehmen und Geben könnten "Mehrfachentwicklungen" vermieden und die eingesparte Zeit für Projektbesprechungen, Austausch, Einarbeiten in neue Inhalte und Tätigkeiten, ... genutzt werden. Sicherlich gibt es hierzu eine Reihe von Ansatzpunkten. Die Erfahrungen mit E-Learning in den Unternehmen zeigen aber, dass es eine erfolgreiche Strategie ist, mit kleinen innovativen Einheiten zu starten, sprich in der Einzelschule oder bei Berufsgruppen innerhalb der Schule, um Lern- und Lehrerfahrungen zu sammeln. Der Weg führt also vom E-Berufsschulehrer-Team zur E-Berufsschule ...