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Multimedia im Internet

Sibylle Teichmann, Johannes-Gutenberg-Schule Stuttgart


Basisartikel

Medienkompetenz ist in Baden-Württemberg kein Extrafach, sondern in die anderen Schulfächer integriert. Im beruflichen Bereich sind spätestens seit der letzten Lehrplanrevision in den allgemeinbildenden Fächern viele Möglichkeiten festgeschrieben worden, die handlungsorientiert (also in Form von Projekt, Fallstudie, Planspiel, Expertenbefragung,…) und in fächerverbindender Manier nach Möglichkeit auch mit den beruflichen Fächern umgesetzt werden sollen. Insbesondere im Kapitel "Literatur und Medien" des Deutschlehrplans - aber nicht nur dort - sind elektronische Medien Gegenstand des Lernbereichs, im Kapitel "sprachliche Übungen und berufsorientierte Kommunikation" sollen Arbeitsergebnisse wirkungsvoll präsentiert und sprachlich und visuell aufbereitet werden. Die "Einübung moderner Kommunikations- und Präsentationstechniken" wird nicht nur verlangt, sondern kann bei "stärkeren Klassen" sogar einen "besonderen Schwerpunkt" bilden (s. Hinweis zur Lehrplangestaltung). Und nicht nur im Deutschunterricht, sondern auch in den anderen Fächern, wie Gemeinschaftskunde, werden Präsentationen verlangt (logischerweise gehört dazu auch das Präsentieren im Inter- oder Intranet): "Umgang" und "Erfahrung" mit neuen Medien und Technologien ist überall in den Lehrplänen festgeschrieben. Wenn also Medienerziehung auch den eigenverantwortlichen produktiven Umgang mit Medien vorsieht (KMK-Beschluss), dann müssen wir uns auch Gedanken über die neuen Möglichkeiten von Audio und Video im Internet machen und erste didaktische und pädagogische Erfahrungen mit ihrer Verwendung sammeln. Diese Online-News sollen hierfür erste Orientierungen schaffen.

  
Warum Audio und Video?

Gerade eben haben wir uns daran gewöhnt, Bilder ins Internet zu stellen, nicht nur deshalb, damit alles schön bunt wird (dekorative Funktion von Bildern), sondern auch, um mit dem Einsatz von Bildern Komplexität von Gelesenem zu reduzieren, um zu motivieren, um schwer verständliche Inhalte zu veranschaulichen, um Gedächtnishilfen zu geben und um zu strukturieren und Zusammenhänge zu verdeutlichen (und sei es mit dem Einsatz unseres Schullogos). Benötigen wir jetzt darüber hinaus auch noch Audio und Video im Internet?

Es geht nicht darum, auf unsere überladene Schulseite noch einen Video zu hängen, nach dem Motto "voll und bunt ist mehr" bzw. "wir haben auch noch eine Film-AG".

Bei allem, was man so ins Internet stellt, kann und sollte es einzig und allein darum gehen, den Mehrwert der Seite (information value) für den Benutzer zu erhöhen. Damit ist gemeint, dass dessen Aufenthalt auf der besuchten Seite so angenehm, informativ und kurzweilig gestaltet sein muss, dass er möglichst lange auf der Seite verweilt. Wie erreicht man so etwas? Indem man mindestens drei Dinge beachtet:

  • Der Inhalt der Seite muss so designed sein, dass der User weder unterfordert noch überfordert ist (Anzahl Bilder, Textmenge, Übersichtlichkeit, etc.), so dass seine ungeteilte Aufmerksamkeit darauf konzentriert ist, die Seite anzuschauen (Flow-Theorie).

  • Herum-Surfen im Netz ist out. Der User will eine elektronische Heimat mit Interaktions- und Partizipationschancen, eine Seite, wo es sich immer wieder "lohnt" hinzugehen, weil es Information, Unterhaltung und Diskussionen gibt und man sich mit Bekannten und Gleichgesinnten treffen und austauschen kann: eine "Community" muss geschaffen werden (s. Online-News Nr.9)

  • Die Auswahlentscheidung, welche Informationen sich mit welchem Medium am besten transportieren lassen.

  
Verwendung von Video im Internet

Euler schreibt (Dr. Dieter Euler, Didaktik des computerunterstützten Lernens, S.144 ff): "Bilder scheinen nicht per se geeignet, mehr Bildung bzw. Information zu vermitteln. (Sie) … werden nicht im Gedächtnis des Menschen abgebildet, sondern sie werden interpretiert und aktiv verarbeitet; … von ihm sowohl selektiert (aus der komplexen Vielzahl aller möglichen Informationen werden von ihm solche ausgewählt, die er als bemerkenswert erachtet oder die ihn interessieren bzw. motivieren), aber auch elaboriert, d.h. mit vorhandenen Erfahrungen verknüpft und zu neuen Bedeutungsmustern konstruiert. Bilder können … einen sinnlichen Gesamteindruck vermitteln … Bilder sind daher eine Alternative oder eine Ergänzung zum Text."

Insbesondere ist Video dafür geeignet, Authentizität, Aktualität sowie einen sinnlichen Gesamteindruck herzustellen. Durch die Aneinanderreihung von Bildern statt einem Einzelbild ist Video oftmals noch viel besser in der Lage, eine Sache "umfassender" zu zeigen, Dynamik zu schaffen, Historie zu vermitteln und Entwicklung aufzuzeigen, Stimmungen wiederzugeben, also die "reale Welt" sinnlich übers Netz zu bringen. Die Schaffung von Präsenz erlaubt es dem User sich eine Interpretation der elektronischen Umwelt herzustellen.

Dabei kann es sich sowohl um Live-Video (Real-Time-Streaming) handeln, aber auch fertige Video-Konserven (On-Demand-Streaming) können übers Netz abgerufen werden.

  

Beispielhaft seien hier folgende Anwendungen im Netz genannt:

  • CompetenceOnline (www.), im Rahmen der Multimedia-Initiative Niedersachsen, von der Deutschen Telekom AG und dem Land Niedersachsen gefördert, bezeichnet sich als die Karriereplattform der Zukunft im Internet. Unternehmen können erstmalig direkt und interaktiv aus einer Bewerberdatenbank geeignete Mitarbeiter/-innen auswählen. Bestandteil dieser Mitarbeiterdatenbank sind Videokurzporträts der Stellensuchenden und der Firmen. Das Video-Kurzportrait gibt einen anschaulichen und lebendigen Eindruck von jeder Bewerberin und jedem Bewerber, und die Firmen bewerten die Aussagekraft deutlich höher als bei konventionellen Bewerbungen mit einem Bewerbungsfoto. Verhalten und sich Geben, was und wie etwas gesagt bzw. nicht gesagt wird, also Gesamtpersönlichkeit, kann hier viel besser studiert werden und ergänzt die schriftlichen Aussagen zur Kompetenz einer Person.

  • Wer einen sinnlichen und brandaktuellen Eindruck von seinem nächsten Urlaubsort haben möchte, wird Mitglied in www.cabana.net, einer Reise-Community. An bestimmten Tagen broadcasten "User-Experten" (keine Reisebüroleute, keine Werbeleute, sondern Besucher, die sich gerade in einem bestimmten Land aufhalten oder spezielle Kenner der Gegend sind) live vom Urlaubsort und schildern so dem User, der dieses Reiseziel ins Auge gefasst hat, anschaulich die momentanen Gegebenheiten vor Ort und die persönlichen Eindrücke, Tipps und Präferenzen. Neben der sinnlichen Anschaulichkeit spielt hier beim Video die subjektive Wahrnehmung des Broadcastenden eine große Rolle. Damit können Standard-Formulierungen von Reiseprospekten zur Beschreibung eines Urlaubsortes oder der Umgebung besser interpretiert werden, der User kann sich quasi ein "Bild machen".

  • Insbesondere der ganze Bereich der "distance learning malls", also der Fernschulung (Ausbildung, Weiterbildung) benutzt Video live und Videokonserven sowie Audio, um ortsunabhängigen Unterricht lebensnah, abwechslungsreich und aktuell zu gestalten (siehe Artikel 1.3 Wie multi sdind die Media? ). Auch hier geht es keinesfalls darum, allein auf Video oder Audio zu setzen, sondern im Paket mit Chats, Boards, Paging und Mailing virtuelle Lernumgebungen wirklichkeitsnah zu gestalten, Austausch zu ermöglichen und Interpretation digitaler Umwelt zu ermöglichen. Multimediale Online-Kurse werden auch voraussichtlich bald in der Lehrerfortbildung zur Anwendung kommen.

  

Verwendung von Audio im Internet

Wer’s einfacher haben will, kann auch Ton auf verschiedene Art und Weise einsetzen, um so unsere virtuelle Welt zu bereichern.

Dadurch, dass Sprechen eine wesentliche Ausdrucksform des Menschen ist, kann durch die Vermittlung von Audiosignalen Realitätsnähe geschaffen werden, indem z.B. Aktualität unterstützt (Interview, Umfrage), Authentizität erzeugt (Geräusche) oder eigene Ausdrucksformen von Audio eingesetzt werden (Hörspiel, Lesung,…). Insbesondere lässt sich neben der realistischen Darstellung auch ein ästhetischer Eindruck vermitteln.

  • Dies ist, glaube ich, besonders bei dem Audio-Beitrag über die Oboe auf dem Schulungsserver geglückt (www.uni-ulm.de/schulen/bs/vbs/workshop/index.html). Eine Demonstration des Klangs einer Oboe rundet nicht nur die Geschichte des Instruments ab, sondern vermag den User auch für den unverwechselbar weichen Klang dieses Holzinstruments zu interessieren.

  

Verwendung von SMIL im Internet

"SMIL" (Synchronized Multimedia Integration Language) ist eine Sprache, die die Synchronisation von zeitabhängigen (Video, Audio, Animation) und zeitunabhängigen Medien (Text, Grafik, Bild) möglich macht, wobei sowohl das zeitabhängige wie auch das zeitunabhängige Medium als das steuernde Medium arbeiten kann (siehe hierzu Theorie und Praxisbeispiel aus Kapitel 5). Der Reiz für den Einsatz im Unterricht liegt darin, dass eine einfach zu bedienende kostenlose Software im Verhältnis zur eingesetzten Zeit gute Ergebnisse liefert, aber auch darin, dass mit wenigen Bildern (und damit geringer Datenmenge) durch Hintereinanderschalten von Einzelbildern der Eindruck von etwas Fortlaufendem wie einem Film erzeugbar ist. Der größte Nutzen ergibt sich aber aus der Steuerbarkeit, d.h. dem jederzeit möglichen Einstieg an jede gewünschte bzw. definierte Stelle des Mediums.

  • Diese Eigenschaft von SMIL läßt sich besonders gut im Sinne von "Information value" nutzen, wenn z.B. Ton wie Text als besondere Form von Sprache eingesetzt und Ton komplementär als sprachlicher Kommentar zum Bild verwendet wird: Bei einer umfangreicheren Website lässt sich Orientierung besonders anschaulich vermitteln, wenn statt ermüdendem Lesen von Beschreibungen (wozu der Bildschirm recht wenig taugt) und wiederholtem Browsen durch diverse Website-Inhalte eine sogenannte "guided tour" vermittels Bildern und Ton durch die Website einen effektiven und usersteuerbaren Überblick über Informationen in einem Hypertext-Medium verschafft.

  

Wechselwirkung von Inhalt und Medium

Jedes Medium Text, Audio, Video bzw. deren Synchronisation durch SMIL verfügt also über eine spezielle funktionale Präferenz bei der Darstellung von Inhalten, in Abhängigkeit davon, wie und welche Sinne / Informationskanäle angesprochen werden.

Für Video und Audio sprechen die Anschaulichkeit und die zusätzlichen Informationen, die "augenfällig" vermittelt und dadurch einfacher als nur über Bild und Text herübergebracht werden können wie Ästhetik, Stimmung, Subjektivität, Präsenz, Historie. Aber auch Animationen oder ein Einzelbild (z.B. eine Explosionszeichnung) können "anschaulicher" als ein Video oder Audio sein, weil eben anschaulich immer in Bezug auf einen Inhalt bzw. einen bestimmten Zweck gesehen werden muss. Will ich z.B. Informationen über die Funktionsweise eines Autotürgriffs vermitteln, kann ich mit einer gezeichneten Animation eher den technischen Vorgang der Arbeitsweise eines Türgriffs veranschaulichen, mit einem Video jedoch eher zeigen, wie z.B. Benutzergruppen damit umgehen (an ihm rütteln, ziehen, oder…). Oder ich kann z.B. auf einer Website das Video über den letzten gemeinsamen Lehrerausflug nutzen, die Stimmung / das Zusammengehörigkeitsgefühl an der Schule zu vermitteln statt eines gezeichneten Organigramms von Zuständigkeiten verschiedener Personen einer Organisation darzustellen.

  

Nicht zuletzt spielt bei der Angemessenheit eines einzusetzenden Mediums die Qualität eine große Rolle: Ist statt einer schlechten Zeichnung vielleicht ein kurzes Video besser oder umgekehrt? Zu betrachten ist in diesem Zusammenhang auch die eigene Medienästhetik des Internets aufgrund der immer noch begrenzten Bandbreiten: es besteht ein Unterschied zwischen Internetvideo und anderen Videos in Bezug auf die darstellbare Ausgabegröße (in vierfachem Briefmarkenformat kann ich nur "begrenzte" Information darstellen), der Dramatik und Ästhetik (wenig Schwenks und Bewegungen wegen der Ruckeleffekte bei hohen Datensätzen). Die Grundfrage beim Information-Value heißt also immer: welches Medium benötige ich, um welchen Sachverhalt darzustellen und nicht die (häufig in der Praxis vorkommende) Unart "wir haben da noch ein Video, können wir das nicht noch irgendwo unterbringen?"

Schließlich legt dies ganz von selbst nahe, dass die Erstellung von Inhalten mit den Schülerinnen und Schülern sorgfältig vorgeplant werden muss (prinzipielle Fragen zum Medieneinsatz / Medientauglichkeit genauso wie die zu erstellenden Inhalte, Drehbuch,…), drauflosproduzieren ist da fehl am Platz. Auch das sind Inhalte, die wir unseren Schüler/innen im Rahmen von Medienkompetenz vermitteln müssen.

  

Beispiele für Schülerprojekte

Was könnte nun konkret mit Schülerinnen und Schülern erarbeitet werden? Zur Veranschaulichung seien stellvertretend folgende Beispiele aufgeführt:

  • Videosequenzen von Arbeitsabläufen (Lehrplanbezug "sprachliche Übungen und berufsorientierte Kommunikation", evtl. in Zusammenarbeit mit Fachkunde bzw. Fachpraxis)

    Bsp.: Handhabung der schuleigenen Videokamera samt kurzen Regeln für das Filmen fürs Internet, hinterlegt im hauseigenen Intranet als "Video on demand" zwecks Gebrauchsanweisung für alle anderen Schüler/innen der Schule

  • Interviews, Expertenbefragungen im Rahmen von Projekten (Lehrplanbezug: Stilübungen, Sachverhalt erarbeiten, Arbeitstechniken, Diskussion, Fachbericht)

    Bsp.: statt meterlanger Texte auf der schuleigenen Homepage, die die Bildungsgänge und Schwerpunkte der Schule wiederzugeben versuchen, könnten Schüler/innen in Zusammenarbeit mit der Schulleitung das Schulprofil per Interviews auf der Homepage ergänzen.

    Bsp:. Virtuelle Lerngruppen erarbeiten ein gemeinsames Projekt (z.B. Schüler/innen 2er verschiedener Schularten per Web-TV zwecks kollektiver Lernerfahrungen)

  • Reportagen, Dokumentationen (Lehrplanbezug: die eigene Meinung begründet vertreten, Arbeitsergebnisse wirkungsvoll präsentieren, Gesprächshaltungen, Rollenverhalten, Unterhaltung und Information…)

    Bsp.: elektronische Schüler-Zeitungen noch lebensnäher und aktueller gestalten durch akustische Einlagen wie Blitzumfragen / Stimmungsbilder oder kurzen Videosequenzen zu aktuellen Themen

    Bsp: Live-Sendung einer Podiumsdiskussion an der Schule; Weiterverarbeitung (Schnitt, Kommentare, Erläuterungen) und Ausbau des angefallenen Materials zu einem Bericht / Reportage,…) zum "Nacherleben" auf der Schul-Homepage

  

Natürlich werden wir wie immer, wenn es um neue Medien und Technologien geht, an Grenzen stoßen, weil die Technik nicht ausgereift ist, weil wir zuwenig Routine haben oder weil die Schüler mit unterschiedlichen Eingangsqualifikationen auflaufen oder auch nur weil die Schulorganisation uns Grenzen setzt. Ich denke aber, dass von den Möglichkeiten Audio und Video im Internet zu nutzen eine große Faszination auf Schülerinnen und Schüler ausgeht, die wir nutzen sollten und in einen "produktiven Umgang mit den neuen Medien" ummünzen sollten. Dieser Beitrag sollte hierzu ein paar grundlegende Überlegungen beisteuern.