Projekt gegen Schulverweigerung
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Bestandsaufnahme
„Es gibt für Deutschland
keine repräsentativen Untersuchungen zum Umfang von Schulverweigerung.
Zahlen zur An- und Abwesenheit von Schülern werden nicht systematisch
erfasst und ausgewertet; Auswertungen gibt es allenfalls auf der Ebene
einzelner Schulen, nicht jedoch auf Schulamtsebene oder gar
Länderebene"
4 Die meisten Daten stammen aus Befragungen von Schülerinnen und
Schülern oder aus Erhebungen von Klassen- und Kursbücher. Die Wertigkeit
dieser Daten ist zu hinterfragen. Doch vermitteln sie einen Einblick in die
Problematik. „Das Kultusministerium Hessen hat für das Jahr 1999 die Zahl
der Verletzungen der Schulpflicht im Land Hessen mit insgesamt 4.417 Fällen
angegeben. Das Deutsche Jugendinstitut München/ Leipzig geht inzwischen von
ca. 10% bis 15% pro Klasse aus, die zumindest als schulmüde eingestuft
werden"
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„Das Phänomen ‚Schulschwänzen’ zeigt sich in Abhängigkeit vom Alter:
Schüler aus dem 6. Jahrgang schwänzten deutlich seltener als ihre älteren
Kollegen. ……Geschwänzt wurde meistens von SchülerInnen aus Sonderschulen:
Hier gaben 37% an, innerhalb des letzten Jahres mindestens alle paar Monate
unentschuldigt gefehlt zu haben; danach folgten die HauptschülerInnen. Bei
den anderen Schulformen gab es keine größeren Unterschiede. Schulschwänzen
erscheint als männliches Phänomen. Jungen schwänzen häufiger als Mädchen."
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Gleichzeitig fühlen sich Hauptschullehrerinnen und -lehrer, die mit großen
Klassenstärken konfrontiert sind, im Rahmen des Unterrichts zumeist
überfordert, sich der persönlichen Problematik von Schulverweigerern
anzunehmen und diese Jugendlichen in den normalen Unterricht zu
integrieren.
„Neben dem Bildungsniveau weisen weitere untersuchte Aspekte, wie
beispielsweise familiäre Lebenslage und elterlicher Erziehungsstil,
Zusammenhänge mit Absentismus auf. Im schulischen Bereich fällt auf, dass
ein großer Anteil der Jugendlichen berichtet, dass auf ihr Schwänzverhalten
keine Reaktionen bzw. Maßnahmen durch Lehrkräfte erfolgt sind."
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„Nach Befragen von 10.640 Schülerinnen und Schülern der neunten
Jahrgangsstufe in Hamburg, Hannover, Leipzig, München und Friesland zum
unentschuldigtem Fernbleiben vom Schulunterricht, antworteten 52,9 % der
Befragten, dass sie im letzten halben Schulhalbjahr schon einmal die Schule
geschwänzt hätten. 14,8 % erklärten, dass sie im gleichen Zeitraum fünf Tage
oder mehr der Schule unentschuldigt den Rücken gekehrt hatten. Alltägliches
Fernbleiben vom Unterricht, das Abhängen von Eckstunden oder Ausfallenlassen
ganz bestimmter Unterrichtsstunden prägen inzwischen den normalen
Schulalltag"
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Eine Untersuchung, die im Vorfeld der wissenschaftlichen Begleitung der Schulmüden - Projekte in Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurde, zieht folgenden Schlussfolgerungen:
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Schulverweigerung und ihre Vorläufer (Schulmüdigkeit, zeitweiliges Schulschwänzen) beginnen z. T. bereits in der Grundschule, verfestigen sich häufig im13. Lebensjahr. Die meisten der bisher praktizierten Strategien des Umgangs mit Schulmüdigkeit und Schulverweigerung sind eher kurativer als präventiver Natur (z.B. außerschulische Beschulung von Schulverweigerern statt schulinterner Problemlösungen).
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Die Strategien unterschiedlicher Akteure (Jugendsozialarbeit auf der einen und Schule auf der anderen Seite) sind eher additiv als integriert. Aus unseren Untersuchungen von erfolgreichen Modellprojekten wissen wir, dass die Zusammenarbeit durch verbindliche Vereinbarungen verbessert wird. So stehen feste Ansprechpartnerinnen und -partner zur Verfügung und beide Seiten bringen ihre Kompetenzen ein: Lehrerinnen und Lehrer in der Wissensvermittlung, Sozialpädagoginnen und -pädagogen in die sozialen Kontexte des Lernens.
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Die Ausprägungen von Schulverweigerung unterscheiden sich deutlich zwischen Mädchen und Jungen. Bei aktiver Verweigerung (also dem expliziten Fernbleiben vom Unterricht) tendieren Mädchen eher zum Rückzug von ihren Peers, Jungen suchen eher gemeinsame Aktivitäten mit Freunden. Wird trotz Anwesenheit die Teilnahme am Unterricht verweigert, dann neigen die Jungen eher zum Stören, während die Mädchen „sich unauffällig ausklinken”. Da sich Jungen auffälliger verhalten, richtet sich die Aufmerksamkeit von Politik und Praxis eher auf die Situation der Jungen. In Förderangeboten für Schulverweigerer sind Mädchen bisher unterrepräsentiert.
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Ebenfalls unterrepräsentiert in Förderangeboten sind Jugendliche mit Migrationshintergrund, obwohl es Hinweise gibt, dass große Gruppen noch während des schulpflichtigen Alters aus dem Bildungssystem herausfallen. Weitere Hinweise deuten auf große Unterschiede zwischen den Ethnien und wiederum zwischen Mädchen und Jungen. Besonders hilflos sind Schule und Sozialarbeit gegenüber der Lebenssituation und den Problemen von Aussiedlerjugendlichen.
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Schließlich hat unsere Untersuchung von Jugendlichen in strukturell benachteiligten Stadtteilen ergeben, dass diese Mädchen und Jungen auffallend häufig durch Schulmüdigkeit, Schulverweigerung und Schulabbruch gekennzeichnete Bildungsverläufe aufweisen, durch die der Übergang in Ausbildung und Arbeit stark erschwert wird.“ 2
Nachfolgender Auszug aus einer Pressemeldung von Arte zum Themenabend
Schulverweigerer soll die Bestandsaufnahme abschließen.
"In Deutschland gehen 400.000 Kinder nicht mehr zur Schule. Es handelt sich
um Schulverweigerer, die wochen- oder monatelang dem Unterricht fernbleiben.
Die meisten sind zwischen 13 und 16 Jahre alt. Jährlich verlassen 86.000
Kinder und Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Viele von ihnen rutschen
in die Kriminalität ab. Allein in Berlin schwänzen 15.000 Kinder täglich den
Unterricht. Im Westen der Stadt werden im Lernprojekt "courage" die beiden
15-jährigen Mädchen Hannah und Mandy betreut. Die Töchter aus gutem Hause
sind "Opfer" der modernen Wohlstandsverwahrlosung, Scheidungskinder, die
sich nirgendwo zugehörig fühlen, für die niemand da ist, der ihnen den
Rücken stärkt und ihnen gleichzeitig die Grenzen zeigt. In Berlin-Mitte
bekommen der 15-jährige Rami und der 14-jährige Mathias ihre letzte Chance
in dem Projekt "Arbeiten und Lernen". Wie viele andere Schulverweigerer sind
sie mehrmals sitzen geblieben, bevor sie den Anschluss ganz verpasst haben.
Im Osten der Metropole befindet sich das "Jugendwerk Aufbau Ost", das sich
um jüngere Schulmüde kümmert. Ziel ist die Wiedereingliederung der zehn- bis
zwölfjährigen Kinder in die Regelschule. Schulverweigerung, so die
Beobachtung des Filmes, ist keine "Null-Bock"-Haltung, wie häufig
unterstellt wird. Sie ist zuerst ein Hilferuf an Eltern und Lehrer. Die
Kinder zeigen damit, dass in ihrem Leben etwas nicht stimmt. Immer wieder
nennen sie Gründe wie Einsamkeit und häusliche Probleme. Die Schule ist für
viele ein Ort der Angst, des Versagens und der Ignoranz. Aussagen, die meist
in der gegenwärtigen öffentlichen Diskussion der "Schwänzer-Problematik"
nicht an erster Stelle ins Spiel gebracht werden. Elektronische Fußfesseln
für chronische Schwänzer helfen ebenso wenig wie polizeiliche Verfolgung
oder Bußgelder für die Eltern. Schulverweigerer brauchen Hilfe und
Aufmerksamkeit, keine Kriminalisierung. Denn sie wollen nichts anderes sein
als ganz normale Schüler."
